Jenny Elvers und ihre Alkoholbeichte

Ohne jede Frage: Jenny Elvers-Elbertzhagen ist süchtig. Nach Alkohol. Und vor allem nach Aufmerksamkeit. Genau deswegen empfinde ich ihren TV-Auftritt bei RTL auch als Rückschritt.

Am liebsten würde man rufen: Halt! Das ist die falsche Richtung. Nimm die andere Abzweigung. Diese hier führt ins Verderben. Dorthin, wo du schon warst, wo alles begann. Wo die Sucht dich in ihre Klauen bekam: In der Öffentlichkeit.

In diesem Fall ist’s RTL! Da stellen sich einem die Nackenhaare auf. Und wenn man dann noch den Titel der Sendung (“Die Alkoholbeichte!”) liest, ist alles klar: Hier geht’s um die pure Sensation. Das Ausrufezeichen hinter dem Titel suggeriert alles! Hier will man sich an Elvers’ Leid ergötzen und ordentlich Quote einfahren.

Das hat auch geklappt: Jenny Elvers bekommt endlich wieder Aufmerksamkeit, ganz egal durch was – und der Sender glänzt mit ganz passablen Zuschauerzahlen. Ein Geschäft, das für beide Seiten aufgeht. Doch ist es wirklich so? Nein. Denn die “Aufmerksamkeit” der Medien ist das, was Elvers zerstört hat. Manchmal wurde sie zuviel beachtet – und zierte die Klatschblätter mit Männergeschichten und unvorteilhaften Fotos. Aber: Der große Durchbruch als Schauspielerin? Den gab es nicht. Obwohl die 40-Jährige hart dafür arbeitete. Sie habe stets “perfekt sein” und kontrolliert handeln wollen, erzählt sie Beichtmutter Frauke Ludowig. Doch perfekt – das ist niemand. Nicht ein einziger Mensch von sechs Millarden. Perfektion ist Lüge.

Fotos via commons.wikimedia.org (Jenny Elvers-Elbertzhagen © Siebbi)
Fotos via commons.wikimedia.org (Jenny Elvers-Elbertzhagen © Siebbi)

Einen Vorteil hat der Durchschnittsbürger: Er kann zumindest vertäuschen, den Schein wahren.

Doch: Wie soll das gehen, wenn die Fotografen hinter der nächsten Mülltonne lauern und man in den unvorteilhaftesten Posen abgeschossen wird? Mit fettigen Haaren, Fältchen, verwischtem Makeup, Pickeln oder einem Bäuchlein. Unter den abgedruckten Fotos: hämische Kommentare über den so unperfekten Look.

“Freunde” plaudern den Medien gegenüber aus, ob es einen Streit mit dem Partner gab, ob man fremdgegangen ist, ob heftig gefeiert und getrunken wurde. Und falls tatsächlich dabei zuviel die Kehlen hinab geflossen sein sollte, dann ist es dokumentiert – nachzulesen in der “Bild”. Gott, wie lästig. Gott, wie anstrengend.

Nein, ein solches Leben ist nicht beneidenswert und auch nicht einfach. Selbst dann nicht, wenn man eine starke Persönlichkeit ist. Denn diese Art von Leben besteht aus Druck. Unerträglichem Druck. Irgendwann hat sich Elvers wohl ein Ventil gesucht. Den Alkohol. Mit dem spülte sie den Frust einfach weg. Betäubte sich. Wollte den Schmerz nicht mehr spüren. Bis sie in eine starke körperliche Abhängigkeit geriet.

Zu einem Glas Rotwein sei ein zweites gekommen, dann “ein drittes Glas, eine Flasche. Um dann fit in den Tag zu kommen, habe ich morgens ein Glas Prosecco getrunken, an guten Tagen Champagner.”

Sie fiel immer tiefer in den Alkoholstrudel. “Ich hab’ zum Schluss Komasaufen gemacht”, so Elvers. Reflektiert spricht sie über ihre Sucht, erzählt von den vielen Stationen, in denen sie zur Alkoholikerin wurde. Etwa an der Hotel-Rezeption: Auf die Frage “Hatten Sie etwas aus der Minibar?” habe sie schließlich antworten müssen: “Alles”.

Als sie entschied, sich helfen zu lassen, war es bereits fünf vor zwölf: “Der Arzt hat bei der Einlieferung gesagt: Sie haben noch sechs bis acht Wochen zu leben. Wenn ich in der Dosis weitergemacht hätte, wäre es dazu gekommen.” Multiorganversagen, so die Vorhersage des Arztes. Wenn man bedenkt, dass sie morgens eine Flasche Sekt, mittags eine Flasche Wein und abends eine Flasche Wodka trank, hatte sie wirklich Glück.

Wie gut, dass ihr Körper nicht schon vorher schlapp machte. Daher ist der Auftritt bei “DAS”, wo sie, wie sie selbst sagt, “granatenvoll” war, als Rettung zu werten. Denn hätte sie es nicht selbst mit eigenen Augen gesehen und sich hackedicht der ganzen Nation präsentiert, würde sie vielleicht schon unter der Erde liegen. Trotzdem unterstelle ich dem NDR auch nach der Sensation gegiert zu haben. Genau wie auch RTL mit dem Interview, das Elvers zwar in einem deutlich besseren Zustand zeigt, sich aber durch ihren Seelenstriptease möglichst viele Zuschauer errechnet hatte.

Leider vermute ich, dass nun ein Auftritt dem nächsten folgen wird. Elvers wird durch die Talkshows tingeln und bestimmt auch noch ein Buch schreiben. Endlich wird sie einen vollen Terminkalender haben, wieder in der Öffentlichkeit stehen und auf eine tolle Rolle hoffen können. Endlich wird man sie wieder wahrnehmen.

Aber was ist danach? Wenn ihre Geschichte als Alkoholikerin auserzählt ist? Wenn sie niemand hören oder sehen mag? Wenn die Fotografen nur noch auf ein einziges Foto warten? Und zwar das, auf dem sie mit einer Buddel Schnaps durch den Park wankt? Wird sie es tun? Wird sie wie so viele, viele Promis wieder dem Druck der Perfektion verfallen und ihn im Alkohol ertränken? Gelernt ist gelernt.

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