Was für ein schrecklich trauriger Tag…

Meine Augen brennen, sind rot geweint. Trotzdem bahnen sich die Tränen ihren Weg. Unbarmherzig. Unablässig. In meinen Schläfen ein dumpfes Pochern. War es richtig, war es falsch?

Gestern fing es an. Es war morgens. Zwischen 8.20 und 9.25 Uhr beobachte ich den Nistkasten. Keine der beiden Blaumeisen flattert herbei, um ihre Brut zu versorgen. Ein Zufall? Wäre ein merkwürdiger Zufall. Denn normalerweise müssen Meisenküken, die nur 6 Tage alt sind, alle 15 Minuten gefüttert werden. Ich entscheide mich, in meiner Mittagspause nach Hause zu fahren. Ich blicke ununterbrochen auf das Häuschen. Nichts geschieht. Am Abend kann ich gar nicht schnell genug Heim kommen, schmeiße meine Sachen in die Ecke und laufe zum Balkon. Leben sie noch? Die Kleinen schreien vor Hunger. So laut. So bettelnd. Es bricht mir fast das Herz.

Also flitze ich in die S-Bahn, fahre zu einem Zooladen und hole ihnen getrocknete Insekten. Wir füttern sie damit. Alle halbe Stunde. Bis es 22 Uhr ist. Nicht einmal lässt sich in dieser Zeit eine der Meisen blicken. Aber wir gehen sowieso davon aus, dass in den letzten Tagen nur ein Elternteil die Küken versorgte.  Und diesem war egal, ob wir auf dem Balkon saßen, oder eben nicht. Es kam uns teilweise bis auf einen Meter nahe. An diesem Tag war alles anders: Sie haben ihre hilflosen Küken verlassen, alle beide.

Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf, vielleicht würde die Meise am nächsten Tag wiederkommen? Vorsichtshalber rufe ich den Tierschutzverein an. Man sagt mir, ich solle morgen früh schauen, wie es ihnen geht. Sind sie mobil, wurden sie gefüttert. Sind sie lethargisch, ist das Gegenteil der Fall. Das Internet verrät mir, dass Meisenbabys von 6 bis ca. 22 Uhr gefüttert werden. Also stelle ich meinen Wecker auf 6 Uhr. Ich wälze mich hin und her, werde immer wieder wach, zu sehr beschäftigten mich die Kleinen: Oh, diese Babys, ich liebe sie. Geht es ihnen gut? Sind sie schon tot? Wärmt die Mutter sie gerade, so wie es eigentlich nachts der Fall sein sollte?

Und dann höre ich auf einmal einen Meisenruf. Glück. Was für ein Glücksgefühl. Sie hat ihre sechs Jungen also doch nicht aufgegeben? Es ist heute früh um halb sechs, als sie die Küken füttert. Ich schlafe wieder ein, denn nun ist jemand für sie da. Ich bin beruhigt. Als ich mich der Wecker aus dem Bett wirft, blicke ich noch einmal durchs Küchenfenster und sehe die Meise noch ein einziges Mal. Danach wieder eine Stunde nicht mehr. Die Arbeit ruft. Nur widerwillig verlasse ich die Wohnung.

12.45 Uhr.  Mittagspause. Ich schließe die Tür auf, renne zum Balkon. Die Piepsis schreien sich die Seele aus dem Leib. Ich schaue nach, geht’s ihnen gut? Leben noch alle? Ja. Alles gut. Ich gebe ihnen Futter mit der Pinzette. Sie reißen es herunter, beißen sich sogar gegenseitig. Verdammt, die Meise kann nicht hier gewesen sein. Und auch während meiner ganzen Pause kommt sie nicht zum Nistkasten.

Als ich am Abend nach Hause komme, schreien die Kleinen wieder. Ich warte. Vielleicht flattertet das Elternteil nun jetzt herbei. Nach 45 Minuten gebe ich auf. Zu sehr berühren mich die Bettelrufe der Küken. Ich greife wieder zur Pinzette, füttere sie, und sehe: Es sind nur noch fünf Küken am Leben. Eines liegt plattgetreten und tot am Boden. Oh, Gott.

Ein Schlüssel dreht sich in der Tür. Mein Freund ist da. Wir besprechen uns, sind ratlos. Ich rufe wieder beim Tierschutzverein an. Nachdem ich alles geschildert habe, rät man mir, die Kleinen bei der nächsten Polizeiwache oder direkt dort abzugeben. Also schrauben wir das Häuschen ab. Ich merke, wie mir schwindelig wird. Diese Kleinen, diese Babys, die gerade die Hälfte meines kleinen Fingers messen, die Augen gerade geöffnet, fast noch nackt, nur wenig Federkleid – die soll ich abgeben? Das kann ich nicht. Zu sehr ergeift der Beschützerinstinkt von mir Besitz. Sie fiebsen, recken ihre kleinen Köpfchen in die Höhe. So hilflos. So süß. So verletzlich. Ich kann es nicht. Ich bin doch jetzt ihre Mutter. Sie von einer Hand in die andere geben? Wie brutal, wie herzlos. Aber andererseits muss ich arbeiten. Ich kann nicht dasselbe leisten, was eine Meisenmutter leistet. Dann schießt mir in den Kopf: Was ist, wenn die Mutter tatsächlich wiederkommt? Was ist, wenn sie die Kleinen ausreichend versorgt? Was ist, wenn ich irgendwo eingreife und zerstöre?

Was aber ist, wenn ich gerade Leben rette. Ich bin im Zwiespalt. Doch mein Gefühl sagt mir, ich muss sie dem Tierschutzverein überlassen.  Und so gehe ich zur Davidwache, gebe die Kleinen samt Häuschen ab. Dort werden die noch nackigen Federmäuschen von den Tierschützern abgeholt. Ich schaffe es bei der Polizei gerade noch meine Tränen zurückzuhalten, bevor diese Bahn brechen und bis  jetzt noch laufen…

Das sind unsere Kleinen:

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